LG Bad Soden / Sulzbach / Neuenhain

Der Kenianer von Flörsheim

Artikel aus der Frankfurter Rundschau vom 26.10.2011:

Klaus Wagner läuft seinen 25. Marathon – und ist Favorit bei den Männern über 65 Jahren.

Klaus Wagner ist nicht in Form. Sagt er. Nur, um direkt zu ergänzen: „Aber die M65 werde ich wohl wieder gewinnen.“ Damit meint er seine Altersklasse – für Nicht-Marathon-Experten: Männer über 65 Jahre. In dieser Kategorie gehört Klaus Wagner zur Weltklasse.

2008, in seinem besten Jahr, absolvierte auf dem gesamten Globus kein 65-Plus-Läufer die 42,195 Kilometer schneller als er: 2 Stunden 53 Minuten, Weltjahresbestzeit. Dazu kommen drei deutsche Meisterschaften und 53 Hessen-Titel über verschiedene Mittel- und Langstrecken.

Der Frankfurt-Marathon am Sonntag ist Wagners erster in diesem Jahr – und sein 25. insgesamt. „Eine konkrete Zeit nehme ich mir nicht vor“, sagt der 69-Jährige. Doch viel mehr als drei Stunden wird er wohl auch diesmal nicht brauchen.

130 Kilometer pro Woche

Beim Training mit seinen Vereinskollegen von der LG Bad Soden/Sulzbach/Neuenhain gibt es nicht viele, die mit ihm mithalten können – auch deutlich Jüngere nicht. „Hinten raus macht der Klaus einen kaputt“, sagt Markus Kohl und lacht. Der 32-Jährige ist seit drei Jahren Wagners wichtigster Trainingspartner. Beide wohnen in Flörsheim und verabreden sich auch regelmäßig jenseits der offiziellen Einheiten miteinander.

Das ist vor allem bei den langen Übungsläufen wichtig. „Wenn man 30 Kilometer unterwegs ist, braucht man jemanden, mit dem man dummes Zeug reden kann“, erzählt Klaus Wagner.

Bis zu 130 Kilometer pro Woche nimmt er in der „heißen Phase“ der Marathon-Vorbereitung unter die Füße. „Eine Woche vor dem Rennen baue ich den Umfang dann schrittweise ab.“

Wenn er am Sonntag auf die Strecke geht, läuft auch ein wenig Nostalgie mit. Zum 14. Mal startet er in Frankfurt. „Ich war sogar schon dabei, als der Lauf noch in Höchst war.“ Was ihm nicht gefällt, ist die Entwicklung der letzten Jahre hin zum „Event“ für Zuschauer und Fernsehen. Besonders der mit Show-Effekten aufgedonnerte Einlauf in die Frankfurter Festhalle ist Wagner ein Graus. „Erst läufst du wie in ein dunkles Loch“, schildert er seine Eindrücke, „und dann dröhnt eine Musik los, dass man fast taub wird.“

„Die laufen nur so lange, wie sie Geld verdienen können.“

Was treibt ihn mit knapp 70 Jahren an, immer noch fast täglich die Laufschuhe zu schnüren? „Spaß“ ist die schlichte Antwort. 1981 hat Klaus Wagner mit dem Laufen angefangen. 1982 folgte dann schon der erste Marathon – etwas, wovon Klaus Wagner heute Lauf-Anfängern aber abrät. „Wenn man sich anstrengt, kann man nach einem Jahr Marathon laufen. Aber gesund ist es nicht.“ Besser sei es, den Körper langsam auf die große Belastung vorzubereiten. Ohnehin kann er die Fixierung vieler Läufer auf die Marathonstrecke nicht nachvollziehen. Er läuft die 800 Meter genauso gern wie die 10.000 Meter oder die 56 Kilometer beim „Two Oceans“-Lauf in Südafrika.

Seine Vereinskollegen nennen Klaus Wagner scherzhaft den „Kenianer von Flörsheim“. Wobei man afrikanische Läufer in seiner Altersklasse so gut wie keine mehr finde: „Die laufen nur so lange, wie sie Geld verdienen können“, sagt Wagner.

Wie lange er selbst weitermachen will? „Im kommenden Jahr greife ich noch einmal an“, verspricht Wagner. Dann rückt er in die Altersklasse M70 auf – eine gute Gelegenheiten, um neue Bestzeiten aufzustellen. Und als Fernziel kündigt er an: „Mit 100 laufe ich dann meinen letzten Marathon.“ So richtig wird nicht klar, ob er das im Ernst oder als Scherz meint.
pe