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Internationale Senioren-Challenge, St. Wendel, 10.09.2011 (Bericht von Peter Oberließen)

In St. Wendel gab es am Samstag, 10. September, die dritte Auflage der Internationalen Challenge der Leichtathletik-Senioren M/W40+ und M/W50+ zwischen Frankreich und Deutschland (zum ersten Mal auch mit Belgien, jedoch nur in der Altersklasse M/W 40+). Jedes Land stellt für jede Disziplin (100, 400, 800, 5000, 4x400, Weit, Kugel, Diskus) zwei Athleten. Gewertet wird nach Punkten, die für die Position im Feld vergeben werden.

Zum ersten Mal im deutschen Nationaltrikot, stehen für mich die 800m und die 4x400m-Staffel auf dem Programm. In der Umkleidekabine taktische Beratung mit Jörg Sender, dem zweiten deutschen 800m-Mann. Die Franzosen können wir nicht richtig einschätzen, aber das Ziel ist schnell formuliert: Doppelsieg und volle Punktzahl fürs Team. Jörg ist der klassische Front-Runner, eine Taktik, mit der er - mit der kleinen Ausnahme der deutschen Meisterschaften - immer erfolgreich gewesen ist, u.a. als Hallen-Europameister 2011. Er läuft also von vorn. Meine Überlegung: ich könnte mich dranhängen, Neuauflage von Minden probieren, vielleicht kommt noch einmal eine neue Bestzeit, vielleicht sogar ein hessischer Rekord zustande. Andererseits: hier geht es nicht um Jörg gegen Peter, sondern Deutschland gegen Frankreich. Und ein maximaler 800m-Lauf 90 Minuten vor einem 400m-Lauf in der Staffel? Das Risiko ist zu hoch. Also, abgemacht: Jörg geht von vorn, während ich (nur !?) die beiden M50-Franzosen, Pierre Marique und Didier Traore, schlagen muss, irgendwie...
Das gemeinsam mit M40 und M50 gelaufenen Rennen wird mit Evolventenstart gelaufen, d.h. alle stehen nebeneinander an der gekrümmten Startlinie und können direkt auf die Innenbahn. Zufällig wird mir der Platz ganz außen zugewiesen, so dass ich entweder losspurten kann um eine gute Position zu ergattern, oder außen zunächst laufen muss neben den anderen Läufern, oder... na ja, nehmen wir oder. Vom Start hat Herbert, der Fotograf heute für den DLV, ein Foto gemacht, das ein wenig merkwürdig aussieht: alle rennen los, nur ich stehe da, schaue den Leuten zu, die da auf die Piste gehen und warte, bis ich mich ganz hinten im Feld einsortieren kann.
Das hat nur einen Vorteil: Kontrolle. Pierre und Didier sind direkt vor mir. Während Jörg offensichtlich weiter vorn ein ordentliches Tempo anschlägt und sich an die M40er dranhängt, lässt jedoch bereits nach 200m der zweite Franzose eine kleine Lücke entstehen. Taktik, um mich zurückfallen zu lassen? Kann da einer das Tempo nicht mitgehen? Egal, da muss ich jetzt vorbei. Harmlose 400m Durchgangszeit von ca. 62sec. Der Abstand zu den Läufern der Führungsgruppe wird immer größer. 300m vor dem Ziel gehe ich auch an dem zweiten Franzosen vorbei. Das Rennen ist bis zu diesem Zeitpunkt gefühlt relativ langsam, ich weiß nicht, ob der junge Mann da vor mir vielleicht ein Sprintfinish hinlegen kann, also ist jetzt der Zeitpunkt, den Rennverlauf zu bestimmen. Er kann nicht wirklich mitgehen und ich kann den deutschen Doppelsieg ohne größere Probleme vervollständigen.

Volle Punktzahl, Ziel erreicht! Und Jörg Sender hat ein sagenhaftes Tempo laufen können vorn in der Gruppe der 10 Jahre jüngeren Läufer und kommt mit 2:02,72 dem deutschen Rekord in der M50 wieder recht nahe. Sicherlich deutsche Bestzeit 2011, wahrscheinlich auch europäische Bestzeit 2011. Exzellente Leistung! Mein Getrödel war aber auch scheinbar nicht so ganz langsam: 2:05,24, überraschenderweise nur knapp ein halbe Sekunde langsamer als bei den Deutschen Meisterschaften in Minden. Hätte ich doch mit Jörg mitlaufen sollen? Da wär doch noch was dringewesen. Die Franzosen kommen mit 2:08 und 2:10 ins Ziel.

Aber da war ja noch was anderes! Die 4x400m. Nur etwa 90 Minuten später. Kaum Zeit für Auslaufen, Pause, Einlaufen. Das Auslaufen hatten Jörg und ich noch ordentlich auf dem Rasen absolviert, während wir zusehen mussten, wie unsere zwei 5000m-Männer (Frank Karotsch und Christian Stoll, die sich in Minden ein so fantastisches Rennen geliefert hatten), ein wenig untergingen in ihrem Lauf. Zwei Minuten vor dem Start die Katastrophe: Jörg läuft eine letzte Steigerung - und ... Zerrung - ... aus ! Die Offiziellen stehen in Sichtweite. Dürfen wir noch schnell umstellen? Ok. Aber wen? Dieter Glübert und ich sehen Jörg Ziegler am Boden dösen, der vorher im 400m Lauf den letzten Platz belegt hat, eigentlich aufgeben wollte, nur wegen dem einen Punkt im Rennen geblieben ist, den auch der Letzte noch holt. Kannst du mal eben laufen, jetzt, kein Aufwärmen, nichts, nur eben laufen? Der Mann erhebt sich aus seiner Lethargie: ja!
Die Chancen stehen nicht gut. Frank Becker hatte vorher schon abgesagt, Jörg Sender verletzt, zwei Läufer sind aus dem Sprint- und Mehrkampfbereich, wie werden die abschneiden gegen die Franzosen, und Jörg Ziegler, der im Einzel sich mit 62,45sec ins Ziel gequält hatte. Wie macht man das jetzt? Einer der Sprinter muss den Startmann geben, damit wir nicht im Start gleich Zeit verschenken. Also, Dieter Glübert nach vorn. Ich selbst habe eigentlich zwei Optionen: gehe ich als Schlussläufer oder als Nummer zwei? Psychologisch ist es geschickter in diesem Fall an zwei zu laufen, oder? Das Holz will ich Jörg Ziegler übergeben. Wo wird Benoit Zavattero laufen, der französische Spitzenmann? Er war der beste Europäer bei den Weltmeisterschaften dieses Jahr im 800m-Lauf: 2:04,60, die 400m Einzel in St. Wendel gewann er absolut überlegen in 54,90.
Startschuss. Dieter kommt exzellent heraus und läuft eine prima erste halbe Runde, kann dann sogar an Pascal Duclaux leicht vorbei und beendet die Runde mit einem Vorsprung. Aber das ist nicht leicht zu sehen, denn noch die nächste Kurve muss ich ja in meiner Bahn laufen, und es ist Bahn 5, weit außen. Locker bleiben jetzt, sauber durchlaufen: das geht einigermaßen, ich kann den Vorsprung auf etwa 50m ausbauen. Reicht das? Jörg Ziegler läuft jetzt in der Staffel besser als in seinem Einzelrennen, hält einen großen Teil des Vorsprungs; jetzt noch Martin Vogel, ein bulliger Kerl, Mehrkampfmeister, dem man die 400m nicht ansieht - aber er kann's, kann es sogar exzellent, selbst gegen Benoit Zavattero hält er den Vorsprung und Deutschland gewinnt die 4x400m M50-Staffel mit 3:51,62 vor Frankreich (3:57,03).

Wie steht es jetzt? Frankreich hatte zwischendurch einen Vorsprung von 31 zu 21 herausgearbeitet. Unsere Läufe sind wichtig. Im Weitsprung fehlt aber ein entscheidender Punkt. Gewinnen die Franzosen zum Schluss wegen 1 Punkt? So sieht es aus - und so werden die Urkunden gedruckt. Aber sind sie richtig? Früher am Tag schon war beim 100m-Lauf eine kleine Katastrophe passiert. Hermann Mager nach 10m im 100m-Lauf verletzt, statt der erhoffen vollen Punktzahl eine schmerzhafte Lücke. Der Mann war aber dann doch trotz der Verletzung in seiner Bahn geblieben und dann, ganz langsam, zum Ziel gehumpelt. Angekommen ist angekommen: 1 Punkt muss ihm anerkannt werden: konnte das übersehen worden sein? Tatsächlich, ein Punkt nachgereicht, Endstand Frankreich - Deutschland M50: 37 zu 37, Gleichstand, zwei erste Plätze - mehr kann man für die deutsch-französische Freundschaft doch nicht tun.

Zum Abschluss des Tages eine Einladung der saarländischen Spielkasinos. Klingt merkwürdig? Nein, im Saarland ist die Welt ein wenig anders: die Zocker finanzieren dort die Leichtathletik. Nach Essen und Siegerehrungen machen sich die belgischen und französischen Busse auf den Weg, während Teile der deutschen Mannschaft den Tag noch in St. Wendels Innenstadt absacken lassen...

Ein super Team, tolles Wetter, übliche Höhen und Tiefen für die Einzelnen, aber einmal etwas ganz anderes, in einer solchen Mannschaft zu starten. Insbesondere, wenn die Organisation so toll klappt. Jörg Erdmann und Margit Jungmann vom DLV haben da eine Veranstaltung kreiert, von der man nur hoffen kann, das sie Fortsetzungen erlebt. Der holländische Kollege war ja schon da diesmal, um zu sondieren für nächstes Jahr...

Peter Oberließen


FM